Interventionen 1991-1999
Eine Auswahl der Interventionen-Vorträge aus den Jahren 1991 bis 1999.
Format: mp3.
Die Beiträge wurden in den Interventionen Jahrbüchern gesammelt und publiziert.
Eines der wohl herausforderndsten Themen für die neue Erforschung des Bewusstseins ist, das hervorzuheben, was bis anhin nicht beachtet wurde. Warum ist dieses expandierende Forschungsfeld, das das Verhältnis von Gehirn und Bewusstheit zu analysieren sucht, nicht multidisziplinär genug? Warum stützt man sich primär auf Texte und nicht auf Bilder, wenn man untersuchen will, wie Erkenntnis funktioniert? Oder positiv gefragt: Was kann ein Geisteswissenschaftler, der sich mit Bildern beschäftigt, zu den Problemen beitragen, die sowohl die Vertreter der analytischen Philosophie, der Erkenntnistheorie, die Computerprogrammierer, die Neurophysiologen und –anatomen, die Linguisten sowie die Spezialisten der Künstlichen Intelligenz umtreiben? Während man sich in letzter Zeit auf die "Prähistorie des Geistes" und die "Archäologie der Erkenntnis" konzentriert, berücksichtigt man kaum, wie subtil die Gehirnfunktionen zusammenspielen. Der Vortrag zeigt, wie Analogiebildungen der Schlüssel sind auch zum Verständnis eines Selbst. Menschliche Intelligenz erweist sich in der Fähigkeit Verbindungen herzustellen, zum Beispiel in den ästhetischen Momenten, in denen sie die Spuren eines anderen – auf Papier oder Stein be-deutet.
1999
Barbara Maria Stafford
Die Philosophie hat sich im 20. Jahrhundert – nicht zuletzt aus sozialwissenschaftlichen Gründen – hauptsächlich mit den Experimentalwissenschaften konfrontiert. So tendierte sie denn auch dazu, ihre ursprüngliche Verbindung mit der Religion zu verdrängen. Während im 19. Jahrhundert die Philosophie noch gegen die Religion polemisierte, zeichnet sich heute das gegenseitige Verhältnis durch Gleichgültigkeit aus. Dies könnte sich für die Philosophie insofern als gefährlich erweisen, als sie damit zur reinen Sache von Spezialisten würde. Meine These lautet, dass am Ende der Moderne, d.h. auch am Ende der „grossen Erzählungen“ wie der Religion, in einer Zeit, in der alles mit Begriffen des Diesseitigen erklärt wird, sich für Philosophie und Religion neue Möglichkeiten eines Dialogs ergeben, der das (Selbst)Verständnis sowohl der Philosophie wie auch der Religion ändern könnte, indem viele ihrer dogmatischen Aspekte überwunden würden.
3. November 1998.
Gianni Vattimo
Der Kerngedanke ist, drei Modalitäten, die mündliche, die schriftliche und die telematische Kommunikation voneinander zu unterscheiden. Von Bedeutung ist, dass auch die Eigenart der stimmbezogenen Rede (die Stimme: das vergessene Phänomen der Kommunikationstheorien!) dabei zur Sprache kommt. In der Perspektive dieser drei Kommunikationstypen zeigt sich, dass die Interaktion im Internet Phänomene hervorbringt, die den Rahmen der herkömmlichen Kommunikationstheorien sprengen.
6. November 1997.
Sybille Krämer
De père catholique de mère juive, Proust a constamment été travaillé par une ambiguité qu’il a su traduire dans son oeuvre et dans sa vie. Nationale, religieuse, sexuelle, l’identité proustienne est toujours intenable et peut se lire aussi bien dans la polyphonie de son style (métaphore et syntaxe) que dans le statut paradoxal de ses "personnages". Enfin, les positions politiques de ce grand romancier autour de l’affaire Dreyfus permettront de reposer la question de l’écrivain et l’engagement.
1996
Julia Kristeva
In ihrer Analyse des Films von Harun Farocki (Bilder der Welt und Inschrift des Krieges) thematisiert Kaja Silverman das Verhältnis vom Blick im Sinne Lacans und vom Sehen. Jenem wird in der westlichen Kultur die Kamera zugewiesen, diesem das Auge. Die Beziehungen zwischen (apparativ verfasstem) Kamera/Blick und (körperlich verortetem) Auge/Sehen werden in ihrer historischen Ausprägung und in ihrer überzeitlichen Begründung untersucht. Zur Diskussion steht damit auch die komplexe Verortung der Blickenden/Sehenden und Erblickten/Gesehenen in den verschiedenen Konstruktionen visueller Felder.
1996
Kaja Silverman
Dieser Vortrag dokumentiert verschiedene paradigmatische Verschiebungen, die im Laufe der 80er Jahre in der nordamerikanischen feministischen Theorie stattfanden. In einem ersten Schritt wird die Entwicklung vom psychoanalytisch begründeten, marxistischen Feminismus zum postmodernen Feminismus diskutiert. Ein zweiter analysiert die im Kontext des postmodernen Feminismus aufgekommene Politik der Differenz. Dabei wird die These vertreten, dass diese theoretischen Entwicklungen ebenso wie die durch die Politik der Differenz angeregten kulturpolitischen Inhalte die heutige Frauenbewegung in eine Sackgasse geführt haben. Angesichts der spezifischen Konvergenz von sozialen Fragen und einer Politik der Differenz, insbesondere in den USA, wird für einen "sozialen Feminismus" plädiert, der die Forderungen der Frauenbewegung innerhalb eines breiter gefassten Programms von sozialer Gerechtigkeit und kultureller Repräsentation neu festschreibt.
1994
Seyla Benhabib
Der Vortrag sieht eine Interpretation der Filme von David Lynch auf der Grundlage der psychoanalytischen Theorie Lacans vor. Zunächst wird das allgemeine Grundgerüst von Lynchs Universum herausgearbeitet: die Spannung zwischen dem idyllischen Anblick der Realität und dem beunruhigenden, auf ekelerregende Weise hervorkriechenden Realen, der unzerstörbaren Substanz des Geniessens, die, wenn sie der Realität zu nahe kommt, sichtbar wird: in der entscheidenden und wesentlichen Rolle der rätselhaften Stimme, die nicht irgendeinem besonderen innerweltlichen Objekt zugehört, sondern vielmehr die Struktur der Realität zu konstituieren scheint. Sodann wird auf den zentralen Platz hingewiesen, den die Figur der depressiven Frau in Lynchs Filmen einnimmt. Die detaillierte Analyse des sadomasochistischen sexuellen Spiels zwischen Isabelle Rossellini und Dennis Hopper in „Blue Velvet“, das Kyle MacLachlan von seinem Versteck aus beobachtet, zeigt, dass es zu einfach wäre, diese Szene auf das phantastische Szenario der vom Kind beobachteten elterlichen Kopulation zu reduzieren. Die Pointe dieses Spiels ist es vielmehr, die Frau davor zu bewahren, in die Lethargie der Depression abzugleiten. Diese Depression ist ein anderer Name für Freiheit: In Lynchs Filmen ist die Frau der Ort, an dem die Verbindung zwischen Ursachen und Wirkungen aussetzt, d.h. nicht alles der Frau wird von (männlicher) Kausalität bestimmt.
6. Oktober 1993.
Slavoy Zizek
Das Johannes-Evangelium berichtet davon, dass das Wort Fleisch war; der Vortrag fragt umgekehrt: was passiert, wenn das Fleisch und das Wort Schrift werden? Schrift ist das Andere des lebendigen, einzelnen und hinfälligen Körpers, sie ist ein Ersatzkörper, fixiert und dauerhaft geschaffen aus dem Wunsch nach Unsterblichkeit und Kommunikation. Die andere Seite der Medaille: der starre Ersatzkörper Schrift gerät ins Abseits, ins Aussen, er fällt heraus aus den Zusammenhängen lebendiger Erfahrungen und Verständigung. "Aussen und Innen", "Tod und Leben" sind die begrifflichen Oppositionen, die das Nachdenken über Schrift über Jahrtausende mehr unbewusst als bewusst orientiert haben. Sie sollen Gegenstand des Nachdenkens sein.
1992
Aleida Assmann I
Aleida Assmann II
La modernité se caractérise comme conception historique et pratique politique finalisées par le projet d’émancipation (grands recits). Postmoderne est l’oeuvre philosophique, littéraire, artistique, politique, scientifique qui, dans la modernité, n’accorde pas créance à ce projet. On raconte une fable qui pousse cette incrédulité à sa limite. Fable postmoderne sur la postmodernité, donc. Imaginaire.
6. September 1991.