«Komplizenschaft» - Arbeit in Zukunft

In Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern aus Kunst, Theorie und Wirtschaft, gefördert von der KTI. Juni 2006 bis Dezember 2007.
Publikationen zum Projekt: DVD Komplizenschaften / Komplizenschaft - Andere Arbeitsformen
Leitung: Gesa Ziemer
Forschung zwischen Kunst, Theorie und Wirtschaft
Erfahrungen und Resultate
Das KTI-Projekt mit dem Titel Komplizenschaft – Arbeit in Zukunft wurde vom Institut für Theorie der Zürcher Hochschule der Künste initiiert und mit verschiedenen PartnerInnen aus Kunst, Theorie und Wirtschaft umgesetzt. Das Forschungsteam selbst bestand aus einer Philosophin, einer Geografin, einer Soziologin und einer Filmemacherin. Zudem haben sich während des neunzehnmonatigen Projektverlaufs verschiedene KomplizInnen in unterschiedlicher Intensität dazu gesellt: WirtschaftsjournalistInnen, Firmen aus der Kreativbranche, KMUs, verschiedene KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen.
Diese institutionelle und personelle Besetzung lässt schnell erahnen, wie vielfältig die Interessen aller Teilnehmenden waren. Eine Brücke zwischen Theorie und Praxis schlagen, hieß hier: Kulturtheorie, Wirtschafts- und Kunstpraxis – repräsentiert durch sehr unterschiedlich agierende VertreterInnen – in ein Verhältnis zueinander zu setzen und durch Grenzgänge Interferenzen auszubilden. In der Projektkonstellation lag die Chance, von den diversen Interessen der PartnerInnen zu profitieren.
Unsere Idee für die entsprechende methodische Umsetzung war eine spezifische Art von Begriffsforschung. Komplizenschaften sind Unikate. Deshalb schlagen wir keine Metapher vor, die sich reproduzieren lässt (wie zum Beispiel ‹Netz› oder ‹Schwarm›), sondern eine performative Forschung, die den Begriff auf Wanderschaft durch unterschiedliche bedeutungsverschiebende Kontexte schickt, diese miteinander konfrontiert und Grenzgänge provoziert. Die größte methodische Arbeit bestand in der Kreation von Räumen für solche Grenzgänge, wie dieser Broschüre, einem Film, zwei Workshops und den drei Kurzen Nächten der Komplizen im Schauspielhaus. Dort fand die Forschung statt. Diese Räume konnten aber bloß konzipiert und zur Verfügung gestellt werden. Was die einzelnen Beteiligten und die Zuschauenden damit genau machen, konnte und sollte nicht vollständig inszeniert oder kontrolliert werden – wie bei der Komplizenschaft selbst. Wie sich herausstellte, war dieser Umstand eine größere Herausforderung als zunächst angenommen und es würde sich ein weiter gehendes Forschungsprojekt darüber, wie Kunst als Forschung umgesetzt werden kann, lohnen.
Das Forschungssetting musste große Differenzen aushalten und sich methodisch vor allem im Wirtschaftskontext beweisen. Ein Unternehmen, das solch ein Projekt mitfinanziert, möchte einen ‹Profit› aus der Forschung. Es möchte, dass die Resultate der Forschung die eigenen Arbeitsprozesse optimieren, vielleicht in Form der statistisch nachgewiesenen ‹innovativsten Teamzusammensetzung› oder eines ‹KünstlerInnen-Handbuchs für Kreativität›... Entstanden sind unsere Regeln der Komplizenschaft. Um sie kreist diese Broschüre. Aber auch diese Regeln sind keine endgültigen Definitionen oder Handlungsanweisungen. Was dann ist der ‹Profit› aus diesem transdisziplinären Forschungssetting? Was sagt die Form des Forschungsergebnisses über den Forschungsgegenstand aus?
• Die Arbeitsform der Komplizenschaft war allen PartnerInnen sehr vertraut. Die meisten Angefragten kannten – wenn auch nicht unter diesem Begriff – eine Art der Zusammenarbeit, die auf informellen Kriterien beruht und sich schwer wiederholen lässt. Für sie war es erkenntnisreich, sich diesen informellen Aspekt der Teambildung, der in der klassischen Managementliteratur oft nicht berücksichtigt wird, explizit zu vergegenwärtigen.
• Komplizenschaften enthalten immer ein Moment von Undurchsichtigkeit, das erhalten bleiben muss. Ein Projektpartner formulierte es einmal folgendermaßen: «Sobald man eine Komplizenschaft ausleuchtet, ist sie keine Komplizenschaft mehr.» Deshalb konnten wir an unseren Theaterabenden nicht wirklich ein Komplizenpaar auf die Bühne holen. Und deshalb können wir keine vollständige Handlungsanweisung liefern.
• Komplizenschaft ist in kleinen Arbeitsstrukturen, wie beispielsweise in der Kreativbranche, zu finden. Sie lagert sich aber auch um große, geregelte Strukturen herum an. Sie verweigert sich systematisch-kontrollierten Zugriffen, sei es in Form von Vermeidungsstrategien (rational-durchsichtiges Prozessmanagement) oder mittels Institutionalisierungsversuchen (Innovationsabteilungen) – und damit eben auch der Definition im klassischen Sinne.
• Komplizenschaften werden oft aufgrund ästhetischer Kriterien, die in Arbeitsorganisationstheorien in der Regel ausgeblendet werden, geschlossen. Deshalb erstellten wir unter anderem einen Film (zu beziehen beim ith, siehe Impressum), der die sinnliche Ebene – Räume, Gesten, körperliche Anziehung, Kleidungsstil, geistige Haltung – thematisier- und erfahrbar macht. Diese Wahrnehmungskanäle anzuregen und ihren nicht-begrifflichen Erkenntnis-‹Wert› deutlich zu machen, gerade wenn es um komplizenhaftes ‹Miteinander-in-Beziehung-Treten› geht, kann ein Profit aus diesem Forschungssetting sein.
(Nina Aemisegger, Andrea Notroff, Barbara Weber, Gesa Ziemer; in: "Komplizenschaft - Andere Arbeitsformen")