Institut für Theorie / Ein Forschungsinstitut der Zürcher Hochschule der Künste
 

11 Regeln der Komplizenschaft

‹Komplizenschaft› ist ein Begriff, der in Form von Spielregeln definiert wird. Warum Regeln? Weil diese den Handlungsspielraum einerseits klar begrenzen und fokussieren. Andererseits animieren Regeln dazu, sie zu brechen. Sie lösen starke Reaktionen aus – sei es das Bestreben, sie zu überschreiten, sie zu ergänzen oder zu ignorieren. Nur sehr ungern verhält man sich nach strengen Regeln, auch wenn unser soziales Verhalten meist unumgänglich von solchen bestimmt wird. Regeln eignen sich als experimenteller methodischer Ansatz für eine Forschung, die zwischen Philosophie, Kunst und Wirtschaft oszilliert. Sie sind kurz und prägnant und strukturieren das Spielfeld der Forschung, auf dem sich Menschen mit den verschiedensten Hintergründen bewegen. Sie animieren dazu, aus unterschiedlichen Perspektiven kommentiert zu werden und fordern auf zu aktiver Stellungnahme.

Die elf Grundregeln der Komplizenschaft sind als Basis zu verstehen, ohne die wir uns Komplizenschaft nicht vorstellen können. Diese haben wir hier kommentiert. Die darauffolgenden Varianten erlauben es aber, die Semantik des Begriffes zu erweitern. Wenn es notwendig ist, können Grund- und Variantenregeln ihren Platz tauschen. Entscheidend ist, dass die Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit des Begriffes ausgelotet werden können. Komplizenschaft lässt keine vollkommene Transparenz zu; sie definiert sich durch Unvorhersehbarkeit und Undurchsichtigkeit. Komplizenschaft ist aber nicht nur ein Begriff, sie ist auch eine soziale Praxis. Also: Ändern Sie die Regeln im Verlauf Ihres Spieles!

Komplizinnen und Komplizen …

 1) ... agieren nie alleine, sie sind mindestens zu zweit.
Komplizenschaft ist ein zeitgenössisches Konzept von Gemeinschaft. Es beschreibt neue Formen des Zusammenseins – sei es als Arbeits- oder Lebensform. Wir leben in einer Welt mit hoher Individualisierung und sind trotzdem aufeinander angewiesen. Der Soziologe Norbert Elias spricht von der ‹Gesellschaft der Individuen› und von der ‹Wir-Ich-Balance›. Diese treffenden Ausdrücke halten den Widerspruch zwischen Individualisierung und Gemeinschaftsbildung, an dem auch wir arbeiten, fest. Wir leben keine großideologischen Gemeinschaftsutopien mehr, auch wissen wir, dass es gilt, die Illusion individueller Autonomie zu hinterfragen. Das Dazwischen wird hier – trotz negativer Konnotation des Wortes – unter dem Titel Komplizenschaft als produktives, oft temporäres Zusammensein in (Kleinst-)gruppen aufgefasst. Unsere These begreift Komplizenschaft als einen spezifischen, zeitgemäßen Zusammenschluss von mindestens zwei, oft aber mehr TeilnehmerInnen, der schnell und pragmatisch zum Ziel führt.

2) ... erscheinen nicht als solche, sondern als EinzelgängerInnen.
Komplizenschaft ist schwer durchschaubar. Die Etymologie des Begriffes (lat. com plectere, dt. ‹komplex›) verweist auf enge Verflechtung, auf komplexe Strukturen. Der Terminus eignet sich für die Forschung, weil er nicht in Transparenz aufgeht. Er besitzt sowohl negative Konnotationen (Filz, Old-Boy-Networks) als auch positive (flache Hierarchien, Netzwerke). Wir deuten Komplizenschaft als Arbeitsstrategie der Zukunft. Es ist ein faszinierender und ungeklärter Widerspruch, dass gerade KomplizInnen, die nichts alleine erreichen, nach außen oft dezidiert eigenständig auftreten. Vielleicht, weil sie ein Paradox leben: Sie sind Teil einer starken Gruppe und respektieren dennoch gegenseitig ihre Identität.

3) ... suchen sich nicht, sie f inden sich.
KomplizInnen gehen nicht primär auf eine geplante Suche, weil ihnen etwas fehlt. Vielmehr werden sie überrascht und von etwas oder von jemandem angesprochen. Sie besitzen die Fähigkeit, etwas oder jemanden zu finden. Es stößt ihnen etwas zu, das sie gerne aufnehmen. Sie sind sensibel für den richtigen Moment. Der Literaturwissenschaftler Roland Barthes beschreibt, was wir tun, wenn wir eine Fotografie anschauen. Er unterscheidet zwei Wahrnehmungsformen, die er studium und punctum nennt. Während das studium eine Aktivität des gezielt Suchenden darstellt, meint das punctum ein aktives Element des Gegenübers. Beim punctum «bin nicht ich es, der es aufsucht (wohingegen ich das Feld des studium mit meinem souveränen Bewußtsein ausstatte), sondern das Element selbst schießt wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor, um mich zu durchbohren.» Die ästhetische Erfahrung des punctum wirkt auch in der Komplizenschaft: Sie kann nicht erlernt (studium) werden, sondern durchbohrt einen. KomplizInnen stehen plötzlich vor einem und man darf die Gelegenheit nicht verpassen.

4) ... agieren taktisch, weniger strategisch.
Was unterscheidet TaktikerInnen von StrategInnen? Der Stratege bewohnt einen Ort, «der als ‹Eigenes› umschrieben werden kann und der somit als Basis für die Organisierung seiner Beziehungen zu einer bestimmten Außenwelt (Konkurrenten, Gegner, ein Klientel, Forschungs-‹Ziel› oder -‹Gegenstand›) dienen kann.» So formuliert es Michel de Certeau. Wörtlich bedeutet ‹Strategie› ‹Kunst der Heerführung› (griech. stratos: ‹Heer›, agein: ‹führen›). StrategInnen agieren planmäßig von einem definierten Territorium aus und führen berechnend ihre Pläne durch. Im Gegensatz zu den StrategInnen haben TaktikerInnen nur den Ort des anderen. Griechisch taktiké bezeichnet die ‹Kunst der Anordnung und Aufstellung› (auf dem Schlachtfeld). TaktikerInnen nutzen die vorhandenen Kräfte, Qualitäten und Effekte und ordnen sie schnell und situativ an. Auch KomplizInnen stehen in einem Verhältnis zum anderen, «ohne diesen vollständig erfassen zu können und ohne ihn auf Distanz halten zu können.» Sie spielen mit den Ereignissen. Beständig operieren sie mit verschiedenen Bausteinen, die ihnen Möglichkeiten des Handelns eröffnen und neue Realitäten schaffen.

5) ... verwandeln Unsicherheit in Lust und folgen Affekten, weniger Emotionen.
KomplizInnen agieren oft von einem unsicheren Terrain aus, das freiwillig oder unfreiwillig zum Ausgangspunkt des Coups genommen wird. Sie ermutigen sich oder werden gezwungen, die Situation, in der sie stecken, produktiv zu nutzen – ob als schöpferischer Lebensentwurf oder als Überlebensstrategie (Stichwort ‹Prekarisierung der Arbeit›). Aus der Unsicherheit gewinnen KomplizInnen Lust, die sie zu affektiven Handlungen animiert. Affekte werden als ‹heftige Empfindungen› oder ‹starke Gemütsregungen› definiert, die häufig an physische Reizungen gebunden sind. Affekte erzeugen Unschärfen, sind oft wuchtig oder verstörend, sie enervieren, regen auf oder an. Sie sind Antrieb für Handlungen, was der umgangssprachliche Ausspruch ‹jemand habe im Affekt gehandelt› verdeutlicht. Emotionen sind im Gegensatz dazu oft vordefinierte, abrufbare Gefühlswelten, an die man gezielt appellieren kann. Brian Massumi schreibt: «Wir haben Emotionen, aber die Affekte haben uns.» (Übersetzung GZ) So die Pointe der Affekttheorie.

6) ... entfalten Kreativität durch diese Lust: am Ungewissen, Risiko und Spiel.
KomplizInnen mögen das Abenteuer, lassen sich auf Unbekanntes ein und setzen dabei etwas aufs Spiel. Vielleicht ihren Reichtum, ihre Familie, ihre Gesundheit, ihren definierten Ort. Sie erschaffen dafür anderes, Unvorhersehbares. Sie erfinden ihre eigenen Gesetze, die sie stärker binden als das bestehende Recht. Für den Philosophen Gilles Deleuze basieren Denken und Handeln stets auf Schöpfungsprozessen, die nie alleine, sondern immer im Netz der Gegebenheiten stattfinden. Andere Begriffe und andere Praktiken setzen andere Tatsachen, sie kreieren andere Wirklichkeiten. KomplizInnen sind keine kontemplativen Subjekte, sie sind TäterInnen. Und deshalb auch nicht nur schöpferisch, sondern manchmal auch sehr erschöpft.

7) ... achten auf das Informelle und kommunizieren auf anderen Wegen.
KomplizInnen interessieren sich für vieles, was abseits offizieller, fest definierter und hierarchischer Strukturen liegt. Sie beziehen ihr Vertrauen zur anderen Person aus beiläufigen Äußerungen oder einer flüchtigen Geste, aus scheinbar unwichtigen Dingen. Sie besitzen ein Halbwissen und folgen Gerüchten, manchmal auch Klatsch. Diese andere Erkenntnis ist für sie genauso wichtig wie nachgewiesene Kompetenz. Durch ihre Sensibilität für das Informelle stiften sie anderes Wissen, das zwischen den offiziellen Fakten einer Biografie oder Daten eines Projektes liegt. Es ermöglicht ihnen, Abkürzungen zu nehmen, welche die offiziellen und langen Wege der Struktur umgehen. Deshalb sind sie immer schneller am Ziel.

8) ... sind kühl und leidenschaftlich zugleich (wie Liebende).
Komplizenschaft und Liebe gehen oft ineinander über. Wir kennen berühmte Liebespaare aus Film und Literatur, die auch komplizenhaft agiert haben, beispielsweise Bonnie und Clyde oder Thelma und Louise. Der Philosoph Antonio Negri beschreibt den Zustand der Leidenschaft so: «Leidenschaft ist nicht nur höchste Intensität, sie begleitet auch eine kühle Beharrlichkeit, eine Art kontrollierte Begeisterung und geduldige Weisheit.» Wenn der Überfall gelingen soll, dann müssen KomplizInnen cool und affiziert zugleich sein. Wie Liebende agieren KomplizInnen nicht nur verbal, sie empfinden mit dem Körper. Wie Musiker auf der Bühne, die über Blicke oder Gesten kommunizieren.

9) ... verfolgen ein gemeinsames Interesse, das beiden Nutzen verschafft.
Komplizenschaft ist businessorientiert, weil sie Nutzen für die Beteiligten schafft. Im optimalen Fall ist der Nutzen beidseitig und geht nicht auf Kosten einer Partei. Wenn eine/r der KomplizInnen geschwächt wird oder gar stirbt, dann handelt es sich nicht um Komplizenschaft, sondern um den alten Wettbewerb, in dem der Stärkere siegt. KomplizInnen sind das Gegenteil von Parasiten. Der Philosoph Michel Serres schreibt: «Der Parasit dringt ein und besetzt.» KomplizInnen hingegen agieren mit jemandem und erheben keinen Anspruch auf ewigen Besitz. Der Nutzen muss auch nicht nur in finanziellem Mehrwert aufgehen, er kann ebenso im sozialen Bereich liegen. KomplizInnen können komplementär zueinander sein und trotzdem sehr different. Im Businessalltag zeigt sich aber oft, dass auch KomplizInnen sich um ihre Beute streiten.

10) ... sind ein Beispiel für die Kraft des Schwachen.
Komplizenschaft ist eine subversive Form der Kollaboration, die sich jedoch nicht gegen eindeutige, vordefinierte Feinde richtet. Die Philosophin Judith Butler schreibt: Die Grenzziehung – «das bin ich, das ist der Feind, der Andere» – dient der illusorischen Identitätsbildung und -stabilisierung. Sie spaltet auch immer etwas vom Selbst ab und stellt daher einen Verlust dar. Butler möchte solche Grenzziehungen möglichst flüssig und in Bewegung halten. KomplizInnen haben den Mut zum Leben ohne festen Boden. Sie stehen nicht außerhalb des Systems, sonst würden sie es mit ihrer Kritik selber hervorbringen. Viel eher eignen sie sich feindliche Figuren radikal an, um sie zu verschieben. Sie beziehen ihre «Handlungsfähigkeit von eben der Macht, gegen die sie sich wenden.»

11) ... spielen mit der Macht.
KomplizInnen haben in der Gruppe klare Funktionen, die jedoch von Coup zu Coup ändern können. Sie bewegen sich nicht in machtfreien Räumen, sondern sind in der Lage, ihre Positionen zu wechseln. Ihre kriminelle Energie zeichnet sich unter anderem durch einen ständigen und virtuosen Rollenwechsel aus, der die Struktur der Gruppe undurchschaubar macht. Der Philosoph Michel Foucault fragt: «Warum denken wir bei Macht immer an Gesetz und Verbot? Warum diese Privilegierung? Macht heißt auch Ermächtigung, sie ist produktiv.» KomplizInnen wehren sich gegen starre Machtstrukturen, indem sie diese geschickt aufbrechen. Macht ist in vielen kleinen Alltagspraktiken umkämpft, und KomplizInnen sind in der Lage, diese immer neu zu verteilen. In dieser Form von Macht gibt es keinen einzelnen, ewigen Repräsentanten von Macht, wie etwa einen König oder Bandenchef.

Varianten
12) ... verfügen über eine pragmatische Lernbereitschaft.
13) ... teilen einen Anfangsmoment, der sie in eine Schicksalsgemeinschaft wirft.
14) ... etablieren temporäre Strukturen, weniger dauerhafte Beziehungen.
15) ... entwickeln einen starken Codex, der sie ein- und andere ausschließt.
16) ... leben in Abhängigkeit voneinander, sind auch erpressbar.

Bitte weitere Varianten hinzufügen.

(Gesa Ziemer, in: "Komplizenschaft - Andere Arbeitsformen")

Übersicht

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