Institut für Theorie / Ein Forschungsinstitut der Zürcher Hochschule der Künste
 

«Prototyp» - Möbel in Kunst und Design

#1/2 Humberto und Fernando Campana, Favela Chair, 2003
#1/2 Humberto und Fernando Campana, Favela Chair, 2003

Für die erste 10-monatige Etappe des Projektes wurde eine DORE-Förderung bewilligt (Schweizerischer Nationalfonds, DORE). Projektstart: Dezember 2008. Das Projekt endete im Dezember 2009.

Leitung: Burkhard Meltzer

Projektbeschrieb

Das Forschungsprojekt setzt sich zum Ziel, aktuelle Entwurfs- und Produktionspraktiken zur Möbelherstellung in den Feldern von Design und Kunst zu untersuchen. Durch einen transdisziplinären Forschungsprozess sollen Aneignungspraktiken zwischen den Feldern von Kunst und Design sichtbar gemacht werden und Verknüpfungen zwischen den Fachgebieten Kunst-, Design-, Architekturtheorie sowie Soziologie hergestellt werden.

Von Aneignungsprozessen zwischen Kunst und Design kann man sprechen, seit das moderne Autonomiekonzept der Kunst eine Abgrenzung beider Bereiche notwendig werden liess. In dieser über einhundertjährigen Tradition gab es immer wieder Versuche von Gestaltern und Künstlern, sich übergreifende Gestaltungs- und Produktionskonzepte zwischen beiden Gebieten anzueignen. Die Abgrenzung der Felder von Kunst und Design ist nicht nur ein theoretisches Konstrukt, sondern markiert heute auch ein grundsätzlich verschiedenes Selbstverständnis sowie eine andere Praxis in Ausbildung, Öffentlichkeit und Markt in beiden Disziplinen. Daher scheint es nicht sinnvoll, einfach die Auflösung der Grenzen zwischen Kunst und Design auszurufen, sondern vielmehr einen veränderten Funktionsbegriff und das aktuelles Verhältnis der Disziplinen zu den hergestellten Dingen zu untersuchen. Jedoch fehlt bisher ein übergreifender Forschungsansatz zwischen Design-, Kunsttheorie und Soziologie, der sich auf aktuelle Aneignungsprozesse zwischen Kunst und Design in der Möbelherstellung konzentriert.

In der Projektvorbereitung erwies sich der thematische Schwerpunkt „Möbelgestaltung und -herstellung“ besonders geeignet, um mediale Transfers und individuelle Aneignungsstrategien zwischen den genannten Feldern sichtbar zu machen. Mit diesem Fokus lassen sich enge Beziehungen zwischen begrifflichen Konzepten wie Funktion, Objektverhältnis und Lebenswelt und ästhetischen Ideen beobachten.

Nachdem in den späten 90er Jahren einige Künstler und Kollektive wie Tobias Rehberger, Jorge Pardo oder N55 im Kunstkontext tatsächlich funktionierende und benutzbare Möbel produzierten, scheinen aktuelle künstlerische Positionen wie Florian Slotawa, Tom Burr oder Marc Camille Chaimowicz weniger an tatsächlicher Funktionalität, sondern eher an dem visuellen Option einer möglichen Nutzung interessiert. Spricht der britische Autor Alex Coles bei den Lounge-Einrichtungen eines Jorge Pardo noch von einer symbiotischen „Design-Art“, so liessen sich heute die dysfunktionalen Möbelfragmente eines Florian Slotawa wohl treffender als „Kunst über Design“ bezeichnen.

Funktionale Unbestimmtheit und Forderungen nach Design als kritischer Praxis bestimmen zunehmend auch die Diskussion um zeitgenössisches Produkt- oder Grafik-Design. So zielen z.B. die französischen Designer Ronan & Erwan Bouroullec mit ihren mehrdeutigen, oft zweckoffenen Formen sowohl auf ein verändertes, multioptionales Kundenverhalten wie auch auf eine totale Veränderung des Funktionsbegriffs. „Wir mögen die grosse Serie, wir mögen die Vorstellung, dass man eine Form in die Welt setzt, ohne zu wissen, was mit dem einzelnen Objekt geschehen wird. Im Industriedesign kann man nicht kontrollieren, was mit den Erzeugnissen geschieht, währenddem das Kunstwerk, von dem es in der Regel ja nur ein Stück gibt, etwas ziemlich Tyrannisches an sich hat“ - so die Bourellec- Brüder in einem Interview von 2007. Erklärtes Prinzip der „Algen“, die man sowohl im 6-er Pack als auch im Beutel zu 50 Stück kaufen kann, ist die offen formulierte Zweckbestimmung des Objektes, welche eher an die künstlerische Tradition des Multiple erinnert als an funktionale Wohnungsausstattung. Viele Designer scheinen nach dem Ende eines allumfassenden „Corporate looks“ in den 90er Jahren die gestalterischen Kompetenzen eher einem aktiven Konsumenten zu überantworten. Das Feld der individuellen Aneignung wird dort zum eigentlichen Gestaltungsvorgang, etwa in der Umdeutung von Ready- Mades aus der Massenproduktion in besondere Design-Objekte, wie z. B. in Arbeiten des Designers Frederic Dedelley. Mit diesen wechselseitigen Einflüssen zwischen Möbel-Entwürfen im zeitgenössischen Design- und Kunstkontext wird sich das Forschungsprojekt auseinandersetzen - zwischen gebrauchsoffenem und "kritischem Design" auf der einen Seite und den fragmentarischen „Möglichkeitsmöbeln“ aktueller Kunst auf der anderen Seite.

Neben öffentlichen Veranstaltungen wie einem Praxisworkshop im Sommer 2009 (Sommerakademie des vitra design museums in Boisbuchet, Frankreich) und einem Symposium im November 2009 (migros museum für gegenwartskunst, Zürich) steht vor allem Feldforschung mit Hilfe von Interviews und bildwissenschaftlichen Untersuchungen auf dem Forschungsplan. Aus den Ergebnissen der ersten Projektphase werden Konzepte für eine Publikation, eine Ausstellung sowie eine prototypische Zusammenarbeit mit Wirtschaftspartnern aus der Produktion entwickelt, die im anschliessend 2010 realisiert werden sollen.

Für weitere Informationen www.prototyp.zhdk.ch

Projektpartner

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