GEMEINSCHAFT - VIELLEICHT
Un/Mögliche Gemeinschaft - vorläufige Gemeinschaften
1 Tagung - 2 Projekte
Jörg Huber, Elke Bippus, Dorothee Richter
Kolloquiumstagung: 12. bis 14. März 2010
Tagungspaper
Die Arbeit an einer Theorie des Ästhetischen ist vermittelt mit derjenigen einer Philosophie und Theorie des Politischen; in der Entwicklung dieses Zusammenhangs erweist sich die Frage nach den Möglichkeiten, Verfahrensweisen und Bedeutungen von Kritik als eine der zentralen Problemstellungen. Und dabei zeigt sich, dass mit dem Begriff der Gemeinschaft ein produktiver Diskursraum eröffnet werden kann - gerade dann nämlich, wenn der Begriff selbst als frag-würdig zur Diskussion gestellt wird.
Das ith hat sich denn auch zum Ziel gesetzt, diesen Begriff in der theoretischen Reflexion wie auch der praktischen Erprobung ins Spiel zu bringen und zu befragen. Das Unternehmen wird auf vier Schauplätzen durchgeführt: Zwei Veranstaltungsprojekte, ein Symposium und eine Publikation.
Das eine Projekt ist mit „Un/Mögliche Gemeinschaft" betitelt; es thematisiert Aspekte wie Politik-Ästhetik, Identität-Ethnizität, Geschichte-Erzählung. Die Themen werden in Vorträgen und daran anschließenden Workshops aufgefächert und verhandelt. Sie stehen in Korrespondenz zu einer Ausstellung in der Shedhalle Zürich. Das Projekt „Transfer Zone - vorläufiges Leben - vorläufige Gemeinschaften" beleuchtet Fragen der Bildpolitik, der Alltagskultur und Urbanität im Versuch die Aktivitäten auch konkret mit den städtischen Lebenswelten zu verbinden. Ein Filmprogramm, Vorträge und Workshops, ein Archive of Shared Interests zum Thema, das eine große Bandbreite theoretischer Entwürfe, künstlerischer Konzepte und urbanistischer Entwürfe als begleitender Projekt- Apparat zugänglich macht, sowie Re-Intrepretation of Dialectics of Terror - a slide show in two projections, bilden unterschiedliche Facetten des Themas hab und diskutieren diese. Das Symposium greift Erkenntnisse der Projekte auf und intensiviert diese in der Auseinandersetzung mit Vertretern aktueller Debatten zu Gemeinschaft. Zentrales Anliegen ist dabei, den Begriff im Spannungsfeld von Ästhetik und dem Politischen zu durchdenken und ihn auf eine Kultur der Kritik hinzuführen und auszudifferenzieren.
Einen Ausgangspunkt liefert die Feststellung, dass mit dem Begriff der Gemeinschaft der der Gesellschaft und damit auch der von Alltagskultur zur Disposition steht, indem etwa Gemeinschaft antiessentialistisch gedacht wird und keine Verkörperung durch eine objektive Bezugsgröße erfährt. Der jeweilige Begriff von Gemeinschaft, sei er philosophisch, sei er künstlerisch, architektonisch, urbanistisch oder identitätsphilosophisch orientiert, trägt implizit seine politische Bedeutung. Wir wollen daher nicht danach fragen, was Gemeinschaft sei, sondern was der jeweilige Begriff von Gemeinschaft möglich macht bzw. verhindert.
Wir sehen daher jeden Gemeinschaftsbegriff als Produzenten derselben. Gemeinschaften werden sowohl von der Philosophie und der Soziologie interpretiert und in die Zukunft entworfen, sie entstehen aber auch über Plattformen des Imaginären, so projizieren (Wort)-Bilder Gemeinschaften, Architekturen organisieren diese und Administrationen verwalten sie.
Mit Gemeinschaft ist daher nicht ein sozialer Zustand oder eine Lebensform gemeint, die es einmal gab (Ursprung) und die verloren ging oder die als realisierbare Zielvorgabe Geltung beansprucht. Weder Verlust noch Versprechen also, sondern - vielleicht - Konzept und Vorstellung eines entrückten Ortes, einer Leerstelle, eines Unterbruchs von Gesellschaft. Gemeinschaft wird dementsprechend in neuen philosophischen Theoremen als etwas Unrepräsentierbares, das einzig in seiner Unmöglichkeit möglich ist ins Spiel gebracht. Sie wird als „entwerkte Gemeinschaft" figuriert, die offen und unabschließbar ist und als solche nie ins Werk gesetzt werden kann. Sie wird dergestalt zur Denkfigur, die dennoch die Forderung nach einer (un-)möglichen Gemeinschaft formuliert. Dies stellt einen (un)möglichen Balanceakt vor: Gemeinschaft bleibt als Horizont erkennbar, aber sie soll nicht institutionalisierbar sein. Hier stellt sich die Frage, ob Gemeinschaft gerade als solche ihr Potential entfaltet, insofern sie das gesellschaftliche Leben in seinen dynamischen und institutionalisierten Formen und Prozessen sowie seine Agenten in ihrem Handeln und ihrem Verständnis als Subjekte, Individuen und Personen einer Kritik unterzieht.
Die „Unfassbarkeit" begründet die Bedeutung des Ästhetischen, die der Gemeinschaft zugewiesen werden muss, geht es doch um Prozesse des Performativen und Politischen, d.h. um Prozesse der Ent-Äusserung, der (Un-)Sichtbarkeiten, der Repräsentation und der Vergegenwärtigung in ihrer Bewegung des Aufschubs, des Noch-Nicht, des Vielleicht, der (Un-)Möglichkeit, der Übergängigkeit. Gemeinschaft so gedacht erweist sich als Begriff (und Phänomen) des Paradoxen und der Kontingenz. Der Begriff markiert Vorgänge, die sich logischen rationalen Fest-stellungen entziehen. Gemeinschaftsbegriffe entwickeln sich aber auch innerhalb eines Netzwerks von Praktiken mit biopolitischen Folgen. Oder Gemeinschaft wird in politischen Prozessen und Aktionen sowie in künstlerischen Manifestationen und „Bewegungen" beansprucht. Dementsprechend ist eine Politik zu beobachten, die aus den imaginierten Gemeinschaften hervorgeht. Gerade diese sind angesichts dessen interessant und aufschlussreich, dass die Rede von der Gemeinschaft im Leben keine Entsprechung mehr findet - institutionelle Gründungen von Gemeinschaften verlieren an Bedeutung.
Es gilt an einzelnen Beispielen zu analysieren, wie dies - in der politischen Argumentation und Manifestation sowie der ästhetischen Praxis und Politik des Sinnlichen - geschieht, wie konzipiert, begründet und (re-)präsentiert wird. Denn wenn Bilder und Medien Gemeinschaften anrufen und hervorrufen, wie manche TheoretikerInnen vermuten, dann werden die Performanzen ihrer Herstellung und ihre Konsequenzen für alltagskulturelle, mediale und künstlerische Bildproduktionen relevant. Eine Ästhetik des Politischen und eine Politik des Ästhetischen in Bezug auf Gemeinschaft sind in den unterschiedlichen Szenarien des Kulturellen immer schon anwesend. Das Unternehmen „Gemeinschaft - vielleicht" exponiert denn auch Begriff und Phänomen der Gemeinschaft im Kontext der Theoriedebatten wie auch in verschiedenen Bereichen künstlerischer und alltagskultureller Praxis. Es versteht und befragt Gemeinschaft als Begriff und als Praxis und betont damit den Zusammenhang des Politischen und Ästhetischen, der das sine qua non der These „Kritik der Gemeinschaft = Gemeinschaft als Kritik" ist. Diese ist zu diskutieren und konkret zu exponieren auf den verschiedenen Schauplätzen, die das Unternehmen hervorbringt.
Projekt I
Un/Mögliche Gemeinschaft
Eine Veranstaltungsreihe und Ausstellung des ith in Kooperation mit der Shedhalle Zürich
Elke Bippus (ith), Anke Hoffmann und Yvonne Volkart (Shedhalle Zürich)
Die Veranstaltungsreihe hat die Absicht die These der (un)möglichen Gemeinschaft in den folgenden Themengebieten zu durchdringen.
1. Politik - Ästhetik:
Gäste: Iris Dressler, Stuttgart / Oliver Marchart, Luzern / Krystian Woznicki, Berlin
19.11.2009 Vortrag von Krystian Woznicki, 19 h - Shedhalle
20.11.2009 Workshop mit Iris Dressler, Oliver Marchart, Krystian Woznicki, 10-15 h - Shedhalle
2. Geschichte - Erzählung:
3.12.2009 Workshop mit Jörn Etzold, Giessen / Eran Schaerf, Berlin / Bea Schlingelhoff, New York, 10-15 h - Shedhalle
3. Identität - Ethnizität:
17.12.2009 Workshop mit Nevin Aladag (angefragt), Berlin / Maria do Mar Castro Valera, Berlin / Christian Ritter, Zürich, 10-15 h - Shedhalle
4. Künstlergespräch mit den Veranstaltern
mit Oliver Kochta, Helsinki
Elke Bippus, Jörg Huber, Dorothee Richter, ith
Yvonne Volkart, Anke Hoffmann, Shedhalle
Januar 2010
Parallel zu der Veranstaltungsreihe findet eine Ausstellung in der Shedhalle Zürich mit dem Titel
Un/Mögliche Gemeinschaft statt.
Eröffnung: 6. November 2009 mit einer Performance von Nevin Aladag (D) sowie Hassan Khan (EG)
Ausstellungsdauer: 7. November 2009 bis 31. Januar 2010
Die Ausstellung endet mit einer Finnisage am 31. Januar 2010

Im Rahmen von Un/Mögliche Gemeinschaft lädt das Insitut für Theorie zu einer Filmveranstaltung von Kinoapparatom ein:
Kinoapparatom presents:
WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE
Donnerstag, 4. März 2010, 19 Uhr
Ein Film von Rainer Werner Fassbinder (D 1971, 99 min)
Gemeinschaftszentrum Wollishofen, Bachstrasse 7, Zürich
Einladung
http://www.kinoapparatom.net
Projekt II
Transferzone - vorläufiges Leben - vorläufige Gemeinschaften
Eine Veranstaltungsreihe des ith mit Dorothee Richter
Transitorische Momente in der Gegenwartskultur, der Ökonomie, der Subjektkonstitution - vermittelt über Architektur, Städtebild, Imagination, zirkulierende Bilder in der Alltagskultur und Kunstinstitutionen
Transitorische Momente bezeichnen eine Grenze, eine Grenzüberschreitung, diese Überschreitungen verstehen sich jedoch weniger als Übergang vom einen Zustand oder einem System zum anderen, sondern begreifen das Übergangsstadium als einen Dauerzustand. „Transfer" bezieht sich daher auf nomadische Lebenszustände in den postfordistischen Gesellschaften, das eine Großzahl unterschiedlicher Subjekte erfasst hat: Diese Art vorläufiges Leben führen sowohl Personen, die als Wirtschafts-, Regime- oder Kriegsflüchtlinge unterwegs sind, bis zu Spezialisten der IT Branche und hoch- oder unterbezahlten KulturproduzentInnen. Dabei existieren negative Konnontationen der Vorläufigkeit und Ortlosigkeit zeitgleich mit imaginierten Zuschreibungen der Innovation und Flexibilität. Wie bildet sich nun dieser Zustand des Vorläufigen in den alltagskulturellen Bildmedien und Architekturen ab? Wie werden Gemeinschaften aufgerufen und organisiert? Und wie wird dies den Subjekten als erträglich und wünschenswert vermittelt? Und welche Rolle spielen hierbei urbane Architekturen, wo funktionieren diese als enthistorisierende Herrschaftsstrukturen, wo stellen sie global wieder erkennbare Behälter für vagabundierende Subjekte bereit, wie lassen sie andere, subversive Möglichkeiten zu? Wie erzeugen Subjekte in diesen von Geldströmen dominierten Umgebungen Nischen und Identifikationen? Wie organisieren sie eine Umkehrung von machtförmigen Strukturen an den Knotenpunkten, den Architekturen, den Bildmedien, den Verabredungen und Diskursen? Welche vorübergehenden Allianzen und Gemeinschaften werden gebildet?
Theoretische Perspektiven:
Gegenwartsanalysen formulieren eine grundlegende Änderung der Lebenswelt, eine „feste" Moderne wird so zur "Flüchtigen Moderne" (Zygmunt Baumann ) [i] oder zur „Zweiten Moderne" (Ulrich Beck)[ii]. Mit einer Einschmelzung und Verflüssigung aller bisheriger Institutionen und festen Lebenszusammenhänge geht ein Umbau von Gemeinschafts- und Identitätsbildung einher. Die Auswirkungen dieses Umbaus auf Gemeinschaftsbildungen und Möglichkeiten zur Artikulation von Anliegen und Bedürfnissen von Individuen und Gruppen ist bisher nur in Umrissen absehbar. Beck spricht beispielweise von „Zombie-Kategorien" und „Zombie- Institutionen", die zwar tot aber dennoch lebendig seien, als Beispiele hierfür nennt er klassische Gemeinschaften wie die Familie, Klassen und nachbarschaftliche Lebensformen. AutorInnen wie Slavoj Zizek[iii] und Renata Salecl[iv] haben zudem darauf hingewiesen, dass nicht nur Arbeits- und Lebenszusammenhänge einem radikalen Wandel unterliegen, sondern auch Images und Symbolproduktionen als Identifikationsangebote zuvor bestehende rigide gesellschaftliche Institutionen ablösen und damit politische Wirkmächtigkeit entfalten.
Es mutet in der gegenwärtigen Situation wie eine Beschwörung einer untergegangenen Idee an, wenn in den letzten Jahren der Begriff der Gemeinschaft im Mittelpunkt der politischen Theorie und der Philosophie aufgegriffen und diskutiert wird. Wobei der Begriff „Gemeinschaft" durch seine Nähe zur faschistoiden Volksgemeinschaft kontaminiert scheint, auch „Kommunismus" ist durch die Institutionen des realen Sozialismus offensichtlich nicht mehr so einfach in einem utopischen Sinne zu verwenden, „Wir", Mit- Sein, Singulär Plural Sein, Neotribe, planetarische Gemeinschaft, entwerkte Gemeinschaft sind Begriffe unter denen Konzepte der Gemeinschaft diskutiert werden. Einerseits bedeutet dies, dass der Begriff der „Gemeinschaft" niemals existentiell aufzufassen ist, sondern er dient dazu, das Gefüge zwischen Subjekten und der Allgemeinheit als Schauplätze von taktischen Verschiebungen zu diskutieren, andererseits ist dieser Begriff jeweils selbst Teil eines Gefüges. Jeder Begriff von Gemeinschaft muss sich daher auf seine politischen Subtexte diskutieren lassen, der jeweilige Gemeinschaftsbegriff macht Handlungen möglich oder verunmöglicht diese. So ist eine erneute Diskussion von „Gemeinschaft" verknüpft mit der Sehnsucht nach politischer Wirksamkeit, die allerdings jenseits von festen Klassen oder Strukturen zu denken wäre - eine entwerkte Gemeinschaft, wie Nancy dies skizziert. Die gegenwärtige Diskussion wird getragen von der Frage nach Zusammenschlüssen, Kooperationen, Äquivalenzen, von der Frage wie sich Politik denken lässt, wenn von fragmentierten sozialen Identitäten und fragilen Gemeinschaften ausgegangen wird. Daher sind in dieser Sichtweise politische Identitäten und Gemeinschaften niemals unmittelbar gegeben. Politische Identitäten und Gemeinschaften jeder Art werden immer auf der Grundlage von komplexen diskursiven Praktiken konstruiert so gesehen wird Gemeinschaft zum Kulminationspunkt, zum „produktiven Integrations- und Dissozationsbegriff" (Claas Morgenroth), der gegenwärtige politische Theorie antreibt.
Die Aufteilung des Sinnlichen
Als eine ins Positive gewendete Bourdieuscher soziologischer Untersuchung der feinen Unterschiede erschien Rancières Schrift Die Aufteilung des Sinnlichen.[v] Ranciere zeigt auf, dass der Zugang zur Sichtbarkeit und Hörbarkeit eingeschränkt ist, und damit auch der Zugang zu einer Gemeinschaft: „Die Aufteilung des Sinnlichen macht sichtbar, wer, je nachdem, was er tut, am Gemeinsamen teilhaben kann, Eine bestimmte Tätigkeit legt somit fest, wer fähig oder unfähig zum Gemeinsamen ist."[vi] Ästhetik, Sichtbarkeit und Politik sind aus seiner Perspektive ursächlich miteinander verknüpft. Formen der Sichtbarkeit, künstlerische Praktiken müssen sich daher befragen lassen, was sie im Hinblick auf das Gemeinsame „tun".[vii] Künste (und andere Regime der Sichtbarkeit) werden daher als Formen der Einschreibung des Sinns in die Gemeinschaft wahrgenommen, „diese Formen legen fest, wie Werke oder „künstlerische Aufführungen" Politik machen."[viii] Er stellt daher eine Verbindung von Sichtbarkeiten zu Aufteilungen von Räumen und Handlungen und zur Bildung von Gemeinschaften her. Im Gegensatz zu Agamben ist Rancières Politikbegriff grundsätzlich positiv, seine Analyse einer gegenwärtigen künstlerischen Artikulation besteht aus einer von Kant paraphrasierten Aufteilung und Bewertung der Künste und deren Möglichkeiten, Ideen und Narrationen aufzurufen. Diese verknüpft er mit dem soziologischen Modell Bourdieus[ix], dessen schichtspezifische Lektüre kultureller Artikulationen (kulturelles Kapital) aber entschieden erweitern möchte in Richtung der teleologischen Möglichkeiten, die Kunst eröffnet. Aus der Perspektive von Rancière schafft Kunst somit Narrationen, die wiederum neue Komplexe, neue Diskurse mit all ihren materiellen Erscheinungsformen hervorbringen. Rancière sieht die adressierten Subjekte in der Lage, zum emanzipierten Zuschauer werden zu können. Kritisiert wird an Rancière, dass dies einer Entpolitisierung von Politik Vorschub leiste, da Politik stark auf das künstlerische/ kulturelle Feld verschoben wird.
Macht und Raum
In unserem Zusammenhang, der städtischen Raum und andere Formen der architektonischen und medialen Adressierung mitdenken möchte, spielt aber Alltag und Raum eine entscheidende Rolle. Identitäten werden im Alltäglichen angerufen und produziert, somit bedarf die Verknüpfung von Macht und Raum einer besonderen Aufmerksamkeit. Im Denken Foucaults spielt die Anordnung von Körpern in Situationen der Überwachung und Reglementierung eine wichtige Rolle. Dabei sind soziale, politische, subjekt- und gesellschaftsbildende Elemente als ursächlich verknüpft entworfen. Erst die Verlagerung der Überwachungsinstanz nach innen macht diese zu einem biopolitischen Instrument, der Staatsbürger ist nun historisch gesehen in der Lage, sich selbst zu regulieren. Die Episteme der Moderne stehen dann jedoch für Foucault im Zeichen der „Lage", also der relationalen Konstitution sozialer Ordnung. Dies kann mit der Dynamisierung durch die Globalisierung in Zusammenhang gebracht werden. Hier sei nur angeschnitten, dass Theorien des Topologischen in vielfältiger Weise die produktive Kraft des Raumes zum Gegenstand machen. Raum als öffentlicher und medialer Raum ist nicht Gegenüber von Subjektivität sondern in dieser vermittelt und durch diese hervorgebracht. So begreift beispielsweise Henri Lefebvre[x] Raum nicht nur als Teil von Produktionsmitteln, z.B. als Rohstofflieferant, sondern als auch als Produkt einer sozialen Praxis, was folglich andere Mittel einer widerständigen Artikulation nahelegt, die innerhalb eines architektonischen, sozialen, visuellen und medialen Gefüges gedacht werden müssen.
Politisches Handeln
Anliegen des ith ist es, eine Theorie des Gegenwärtigen zu formulieren, die sich als Weiterführung der Theorie des Ästhetischen verbunden mit dem Wunsch einer Politisierung versteht. Das Politische verstehen wir nicht als eine positive Utopie, sondern als das Sichtbarmachen von Differenzen, Antagonismen, Konflikten, Heteronomien: das Politische beinhaltet auch eine Kritik des Politischen und stellt sich einer „unversöhnbaren Unstimmigkeit" (Rancière).
Aus dieser Perspektive geht es darum, welche theoretischen Perspektiven auf Gemeinschaft welche Handlungsmöglichkeiten eröffnen oder verschließen.
Als Gegensatz zum euphorischen „Wir" bei Holloway steht die Skepsis gegenüber den flüchtigen Gemeinschaften bei Zygmunt Bauman.[xi] Die „Wir" Formation der globalisierungskritischen Bewegung sieht dieser als schwächliches Pendant zur konzentrierten Macht der multinationalen Konzerne, aber es ist nicht nur die Schwäche, die bei Bauman Skepsis auslöst. Bauman schildert das Aufkommen sogenannter Neotribes, also imaginärer Gemeinschaften als Reaktion auf den Bedeutungsverlust der Nationalstaaten und anderer Auswirkungen der Postmoderne. (später nur noch „flüchtige Moderne" statt Postmoderne, Kennzeichen: konsumbasiert). Kontingenzerfahrungen führen zu einer Suche nach Gemeinschaften, gefunden wird die Freude, im Recht zu sein. Letztlich gibt es aber in Baumans Theorie unterschiedliche Definitionen von teilweise widersprüchlichen Gemeinschaften: Neotribe, Nationalstaat, planetarische Gemeinschaft. Die von beiden geteilte, von Adorno informierte Ablehnung der Klassifizierung führt zu konträren Schlüssen im Hinblick auf Gemeinschaften. Bauman sieht im Anti-klassifikatorischen und Flüchtigen die Gefahr der Entwicklung einer besonderen Grausamkeit, dabei ist gerade die bloß postulierte Struktur anfällig. Bei Holloway wird das „Wir" so allumfassend gedacht, dass es keine Exklusionen geben kann.
Beide Konzepte von Gemeinschaften erscheinen problematisch, einerseits romantisch, andererseits konservativ/ kulturpessimistisch. Als Gegenmodell wären Chantal Mouffe Ernesto Laclaus Äquvivalenzketten eine Alternative zu sehen, eine Art vorübergehender Schulterschluss verschiedenster Gruppen zu einem Projekt. Bei Mouffe/Laclau wird Gesellschaft als eine Vielzahl antagonistischer Verhältnisse gedacht, Gesellschaft und Öffentlichkeit sind Schauplatz von zahlreichen Kämpfen und Auseinandersetzungen. Vorbedingung wäre allerdings die Möglichkeit zum Sprechen. Mouffe /Laclau versuchen einen deterministischen Marxismus, sowie einen Althusserschen Reduktionismus zu überwinden, und sehen diese Möglichkeit im Hegemonie-Ansatz von Gramsci. Äquivalenzen werden als eine Weise von Gemeinschaftlichkeit begriffen, die Raum für Differenzen und für Partikularitäten lässt. Vorbedingung dieser Gemeinschaftsbildung wäre allerdings die Möglichkeit zu Sprechen, und man müsste sich die Frage mit Gayatri Chakravorty Spivak stellen, ob und unter welchen Bedingungen der/die Subalterne sprechen kann. Während Nancy eine Anti-institutionalisierung von Gemeinschaften vollziehen möchte, initiiert als eine Bewegung des fortlaufenden Rückzugs, kritisiert Oliver Marchart an diesem Konzept das Verfehlen einer politischen Theorie, die eine Operationalisierbarkeit mitkonzipiert.[xii]
De-/ Subjektivierung
Gesellschaftliche Prozesse bauen auf Strukturen der responsiven und verfehlten Beziehung zum Anderen auf. Mit dem Begriff der „De-/ Subjektivierung" sollen - von einem kritischen Subjektbegriff ausgehend - mehrere Aspekte angesprochen werden: Subjektivierung ist der Prozess sozialer und politischer Identitätsbildung, die auf komplexen Anrufungsszenarien und Regimen des Sichtbaren beruhen. Identitätsbildungen sind daher vorstellbar als Positionierungen, die als situative Schließungen einer prekären Übereinstimmung (Marchart) gedacht werden. Sie lassen kontingente und arbiträre Bedeutungsproduktionen zu. Subjektivität konstituiert sich fortlaufend im Moment der „Anrufung".[xiii] Zudem stellt sich die Frage, welche Medien welche Anrufungsszenarien auslösen, werden beispielsweise eher „imaginäre Identifikationen" oder „literarische Entkörperungen" hervorgerufen?
Und wird durch sich überlagernde Anrufungsszenarien eine von Agamben beobachtete „Disseminierung" der Subjekte hervorgerufen, die die Maskeraden des Konsums ins Äusserste treibt?[xiv] Unterschwellig beklagt diese Beobachtung die Auflösung des Subjekts. Wenn man allerdings Desubjektivierung mit dem Althusserschen Begriff von Subjektivierung als Unterwerfung liest, wäre Desubjektivierung eine Form von Widerstand gegen das von aussen bestimmte und unterworfene Subjekt. Welche Subjektivierungen werden also im komplexen Medienkonglomerat alltäglicher Situationen aufgerufen? Welche Politiken weisen Bilder und Architekturen zu? Wie könnte also der/ die emanzipierte ZuschauerIn be-greifen und ein-greifen? Welche Machtknotenpunkte lassen sich subversiv besetzen? Welche ästhetischer Artikulationen, Architekturen und Codes im urbanen Raum lassen sich infiltrieren?
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25.04.2009
Transfer Zone 1 - vorläufige Gemeinschaft - vorläufiges Leben
Thema: Kunst/ Architektur/ Cultural Wars
Cabaret Voltaire, Diskussion mit Sabeth Buchmann und Michael Zinganel
25.09.2009
Transfer Zone 2 - vorläufige Gemeinschaft - vorläufiges Leben
Thema: Konzepte der Gemeinschaft und ihre politischen Implikationen // Anrufung von Gemeinschaften in den Medien (Kurzfilmprogramm)
Vortrag: Gerald Raunig//
Filmprogramm zusammengestellt von Patrick Huber
White Space und Bahnhof
23. Oktober bis Mitte Dezember
Transfer Zone 3 - vorläufige Gemeinschaft - vorläufiges Leben
Thema: Gemeinschaftsbildung über Bildpolitiken // Reflexionen zu deren historischer Situierung
Ausstellung: Re- Interpretation of Dialectics of Terror- a Slide Show in Two Projections
KuratorInnen: Siri Peyer, Dorothee Richter, Joshua Simon
KünstlerInnen: Josh Azzarella; Daniel Bejar; William Betts; Blue Noses; Jake and Dinos Chapman; Zoya Cherkassky; Teresa Diehl; Jeanette Doyle; Harun Farocki; Coco Fusco; Johan Grimonprez; Kent Henricksen; Jenny Holzer; Jon Kessler; Fransje Killars; Yitzik Livneh; Bjørn Melhus; Naeem Mohaiemen; Claude Moller; Richard Mosse; Yves Netzhammer; Miguel Palma; Cristi Pogacean; David Reeb; Roee Rosen; Martha Rosler; Stephen j Shanabrook; Ivana Spinelli; Avdey Ter-Oganian; Jan Tichy; Sharif Waked; Catherine Yass
Vortrag Klaus Schönberger, Workshop Joshua Simon, Workshop Overlapping Voices
11. Dezember - Ende Februar
Transfer Zone 4 - vorläufige Gemeinschaft - vorläufiges Leben
Thema: 60 Positionen mit theoretischen, architektonischen und künstlerischen Vorschlägen zur Gemeinschaft in der Transfer ZoneProjektapparat/ Archiv: Archive of Shared Interests - Transfer Zone - temporary Life - Temporary Communities
kuratiert von Karin Frei, Siri Peyer, Dorothee Richter, Ausstellungsdesign Jesko Fezer; 60 Positionen/ Dossiers mit theoretischen, architektonischern, künstlerischen Vorschlägen zu Gemeinschaft in der Transfer Zone
[i] Zygmunt Bauman: Flüchtige Moderne, Frankfurt am Main, 2003
[ii] Ulrich Beck: Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main, 2007, siehe ebenso: Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft: Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, Frankfurt a. M. 2008
[iii] Slavoy Zizek: Die politische Suspension des Ethischen, Frankfurt a. M. 2008
[iv] Renata Salecl: (Per) Versionen von Liebe und Haß, Berlin 2000, S. 14
[v]Jacques Rancière: Die Aufteilung des Sinnlichen, deutsch Berlin 2006
[vi] Ebd. S.26
][viiEbd.S.
[viii] Ebd. S.28
[ix] Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede, Frankfurt 1982
[x] Henri Lefevbre: Die Revolution der Städte, Frankfurt a.M. 1990, Neuausgabe Berlin 2003, sowie Henri Lefevbre: Kritik des Alltagslebens: Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit, Frankfurt a. M. 1987
[xi] Vgl. Jens Kastner: „Praktische Negation" und „Kontingenz mit Wurzeln". Gemeinschaft bei John Holloway und Zygmunt Baumann: Die globalisierungskritische Bewegung als Wir und Neotribe, in Janine Böckelmann, Claus Morgenroth (Hg): Politik der Gemeinschaft, Zur Konstitution des Politischen in der Gegenwart, Bielefeld, 2008, S.157-176
[xii] Vgl. Oliver Marchart. Die politische Ontologie der Gemeinschaft. Politik und Philosophismus bei Jean-Luc Nancy in: in Janine Böckelmann, Claus Morgenroth (Hg): Politik der Gemeinschaft, Zur Konstitution des Politischen in der Gegenwart, Bielefeld, 2008, S. 133-156
[xiii] Louis Althusser: Ideologie und ideologische Staatsapparate, Hamburg, Berlin 1977
[xiv] Giorgio Agamben: Was ist ein Dispositiv? Zürich, Berlin 2008, S. 27