31 No. 10/11: Paradoxien der Partizipation

Das ith beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit innovativen Formaten theoretischer und ästhetischer Produktion, die nicht nur institutionelle Eingrenzungen überwinden, sondern auch den gesellschaftlichen Ort dieser Arbeit verschieben. Die Frage, wer an ihr teilhat, bildet den Hintergrund des Themas dieser Ausgabe des ith-Magazins. In ihr haben wir ein Schlagwort erneut zur Debatte gestellt, das unvermeidlich zu vernehmen ist, wo immer heute von Kunst und Politik die Rede ist: "Partizipation". Es verweist auf eine weit ins vergangene Jahrhundert zurückreichende Genealogie avantgardistischer Verfahren, die im Hinblick auf eine Umgestaltung der Produktion und Rezeption von Kunst nach "demokratischen" Gesichtspunkten entwickelt wurden: Ihre Bandbreite reicht von offenen Werkstrukturen, die auf eine Ergänzung oder Komplettierung in einem tätigen Lektüre- oder Wahrnehmungsakt hin angelegt sind, über interaktive Installationen, die das Publikum auf direktem Wege zu Handlungen anhalten oder als Handelnde in einen performativen Ablauf involvieren, bis hin zu Praktiken, die eine unmittelbare soziale Produktivität an die Stelle des Werks setzen.
Ein Blick auf die gegenwärtige Kunstpraxis und Theoriediskussion zeigt allerdings, dass diesen Konzepten und Strategien mittlerweile mit sehr viel Zurückhaltung, wenn nicht mit Skepsis begegnet wird. Das Nachdenken über Partizipation hat in den letzten Jahren von der neueren französischen Philosophie, und insbesondere von Jacques Rancière und Jean-Luc Nancy, wichtige Impulse erhalten. Partizipation ist nicht mehr Synonym eines unproblematischen, konfliktfreien Zusammenseins, sondern wird viel eher als eine paradoxale Verflechtung von Ein- und Ausschluss, Teilhabe und Trennung, Nähe und Distanz aufgefasst. Der Begriff der Partizipation rückt dabei in die Nähe eines agonalen Begriffs des Politischen, welcher dem fortlebenden Glauben diametral entgegensteht, dass die gesellschaftliche Relevanz von Kunst darin bestehen könnte, eine "verlorene Gemeinschaft" wieder ins Werk zu setzen.
Mit Beiträgen von: Rainer Bellenbaum, Sabeth Buchmann, Sebastian Egenhofer, Goran Galić, Mladen Gladić, Gian-Reto Gredig, Thomas Hirschhorn, Martin Krenn, Daniel Kurjaković, Jacques Rancière, Gerald Raunig, Simone Schardt, Wolf Schmelter, Nora Sternfeld, Markus Wörgötter, Nina Zschocke.
Konzeption: Stefan Neuner.
Redaktion: Jörg Huber, Stefan Neuner, Gesa Ziemer.
Verlag und Herausgeber: ith, Zürich, Dezember 2007.
120 Seiten, farbig & schwarzweiss, ISBN 978-3-906489-09-4, ISSN 1660-2609 / Vergriffen