Institut für Theorie / Ein Forschungsinstitut der Zürcher Hochschule der Künste
 

No. 12/13: Taktilität - Sinneserfahrung als Grenzerfahrung

Taktilität - Sinneserfahrung als Grenzerfahrung
Taktilität - Sinneserfahrung als Grenzerfahrung

In der Tradition abendländischen Denkens wird Taktilität für gewöhnlich in einen dichotomischen Gegensatz zum Gesichtssinn gebracht. Man findet etwa bei Hegel eine strikte Scheidung zwischen den Fernsinnen als Medien der Erkenntnis und Selbsterkenntnis und den Nahsinnen, die keine ‚theoretische’ Distanznahme erlauben. Taktilität ist dem Sehen hierarchisch unterstellt und wird in dieser Denktradition mit Erfahrungen des Kontrollverlusts in Verbindung gebracht, die – nicht zuletzt im Zusammenhang der Subjektkonstitution und der Herausbildung sozialer Strukturen – als gefahrvoll gelten.

Ein Ausweg aus dieser Tradition eröffnet sich in der Phänomenologie Merleau-Pontys, vor allem aber in der poststrukturalistischen Theoriebildung. Bei Michel Serres oder Jean-François Lyotard wird die Tastempfindung nicht nur aus ihrer Gegenposition zum Gesichtssinn herausgelöst, sie wird darüber hinaus auch als ein Modus der Sinneserfahrung und Selbsterfahrung konzeptualisiert, in dem die Dichotomien von Subjekt und Objekt, Ich und Anderem, Geist und Körper unterlaufen werden. Weit davon entfernt, eine Verflüssigung der Grenzen des Ich oder eine Verschmelzung des Subjekts mit dem Anderen anzustreben, wird Taktilität hier als eine Erfahrung aufgefasst, die unsere Körperoberfläche als eine Grenzzone spürbar macht, welche als zweideutige Membran weder dem Innen noch dem Aussen eindeutig angehört, sondern verbindet indem sie trennt.

Das Heft nimmt die Vorträge aus der gleichnamigen Vortragsreihe im HS 2008 in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Moderne & zeitgenössische Kunst des Kunsthistorischen Instituts der Universität Zürich auf und ergänzt sie mit weiteren Texten zum Thema.

Mit Beiträgen von: Manuela Ammer, Robin Curtis, Hans Danuser, Katrina Daschner, Mladen Dolar, Andrea Ehrat, James Elkins, Igor Juricevic, John M. Kennedy, John Michael Krois, Niklaus Largier, Richard Shiff, Philipp Stoellger, Klaus Theweleit, Stefan Thiel, Philip Ursprung und Juliane Vogel.

Konzeption: Stefan Neuner unter Mitarbeit von Julia Geslhorn.
Redaktion: Jörg Huber.

Verlag und Herausgeber: ith, Zürich, Dezember 2008.
farbig & schwarzweiss,
CHF 28.-- / EUR 19.--, ISBN 978-3-906489-09-4, ISSN 1660-2609

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31.Jul 10
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