Institut für Theorie / Ein Forschungsinstitut der Zürcher Hochschule der Künste
 

Projektidee - eine Präambel

1. Allgemeine Rahmung – eine Präambel

Am Institut für Theorie (ith) der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) wird gegenwärtig der Schwerpunkt „Theorie der Ästhetik“ aufgebaut. Die erste Phase ist auf drei Jahre anberaumt (Ende 2013). Das Projekt führt die langjährige kultur- und kunsttheoretische Forschung des Instituts weiter, indem sie diese konzentriert auf eine die verschiedenen „Disziplinen“ vermittelnde Ästhetik ausrichtet.
Ästhetik ist gegenwärtig ein umstrittenes Diskursfeld: weder Philosophie, noch Kultur- oder Kunsttheorie, als „Grosstheorie“ im Anspruch fragwürdig, als Ingredienz des Ästhetischen in den Wissenschaften und der Alltagskultur überall im Spiel, aber nur selten explizit thematisiert. Der Versuch gilt einer Neubestimmung der Ästhetik als Theorie, deren Aktualität und Bedeutung - auch für die Kultur des Politischen - wir behaupten und in diesem Projekt exponieren. Die Verortung an einer Hochschule der Künste ist programmatisch: Entwickelt in/mit/aus den verschiedenen „Szenen/Ereignissen“ der Musik, des Theaters, des Films, der bildenden Kunst... soll Ästhetik als experimentelle Theorie entwickelt und praktiziert werden.
Ein erstes Thema ergibt sich mit dem „ästhetischen Dispositiv“, ein zweites mit der „Ästhetik der Existenz“.


Projektskizze

2. Projektskizze

2.1. Das Projekt setzt sich zum Ziel „Ästhetik“ (neu) zu bestimmen und entsprechend Gegenstandsbereiche, Verfahrensweisen und Funktionsmöglichkeiten zu untersuchen. Dazu drei kurze Anmerkungen:

•    Es geht um die Analyse/Beschreibung/Kritik von Herstellung und Gestaltung von Situationen, Geschehen – zum Beispiel Lebensformen (Ästhetik der Existenz). Dabei richtet sich der Blick auf das Prozessuale, das Ereignis, die Produktion von
(Un-)Sichtbarkeit, die Bruchlinien, die Momente des Entzugs, der Transgression..., wodurch Analyse und Beschreibung auch als Übersetzung/Fortschreibung, als ästhetischer Prozess, kenntlich werden (Ästhetik des Denkens).

•    Ästhetisches Denken und ästhetische Sensibilität einerseits sowie wissenschaftliche Rationalität und analytische Logik andererseits sind je im anderen enthalten und durchkreuzen sich gegenseitig; sie markieren dabei den blinden Fleck des je anderen und offenbaren ihre Latenzen sowie ihren Überschuss. Ästhetik stellt sich damit selber in Frage: eine Theorie des Ästhetischen impliziert eine Ästhetik der Theorie.

•    Die ästhetische Aufmerksamkeit fokussiert hinsichtlich einer Alltagspraxis Kräfte, die deren pragmatische Orientierung unterlaufen, überschreiten und die gesellschaftliche Praxis zu verändern vermögen. Ästhetik ist nicht zu trennen von Gesellschaftstheorie und der Theorie des Politischen.

2.2. Diese grundlegende Ausrichtung wird in einer ersten Etappe des Projekts spezifiziert durch den Begriff des ästhetischen Dispositivs. Dieser erlaubt es uns, die Situation des Phänomenalen, die wir als Schauplatz einer Untersuchung auswählen, begrifflich und konzeptionell zu fassen. Er gibt uns aber auch den Hinweis auf die Methode und bestimmte Verfahren und lässt uns zudem unsere eigene Lage (an einer Hochschule, als Forschende/Lehrende und Agenten der Theorie etc.) unter diesem Gesichtspunkt reflektieren. Ausgehend u.a. von Agamben, Foucault und Deleuze kann man das Dispositiv verstehen als „eine entschieden heterogene Gesamtheit, bestehend aus Diskursen, Institutionen, Ordnungen, architektonischen Einrichtungen, Gesetzen, administrativen Massnahmen, wissenschaftlichen Aussagen, philosophischen, moralischen und philanthropischen Lehrsätzen, kurz, Gesagtes ebenso wie Ungesagtes, das sind die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv selbst ist das Netz, das man zwischen diesen Elementen herstellen kann.“ (Foucault) Es taucht in bestimmten historischen Momenten auf und produziert Sichtbarkeitsfelder. Das Dispositiv regiert auch die Art und Weise, wie sich etwas der Sichtbarkeit entzieht. Ästhetische Praxis wird hier als soziale Praxis verstanden, die entsprechende soziale und politische Effekte zeitigt. Im Mittelpunt eine Dispositivanalyse stehen die drei Fragen nach der Macht, dem Subjekt und der Wahrheit. Entscheidend ist jedoch, dass die statische und analytisch auf ein Objekt ausgerichtete Form der Fragen („Was ist ein...?“) ersetzt wird durch eine dynamische Neugierde gegenüber Prozessen und Ereignissen (der Machtbeziehungen, der Subjektiverungen, des Wahr-Sagens etc.) Es geht um Vorgänge, Beziehungen, Produktion von Effekten, Veränderungen.

2.3. Eine Möglichkeit der Fokussierung ergibt sich mit dem Begriff der Bühne als ästhetischem Dispositiv. Im Theater, in der Musik (Audio- und Soundproduktionen unterschiedlichster Art miteingeschlossen) sowie in der bildenden Kunst sind Bühnen ausgezeichnete Orte wie auch zerstreute Szenen oder offene, vielschichtige Räume eines Stattfindens. Sie exponieren ein Geschehen; etwas, das sich zeigt/sich entzieht; sie markieren Bruchlinien und Übergänge von Präsenz und Re-Präsentation; sie produzieren Sicht- und Hörbarkeiten, Sinnlichkeiten; sie adressieren eine Öffentlichkeit: ein Publikum. Es findet auch immer etwas hinter der Bühne statt, und die Bühne ist nicht auf das Feld der Kunst begrenzt: es gibt die Bühnen der alltäglichen Lebenswelten und der politischen Kultur.
Die Bühne als phänomenale Ausgangslage der Untersuchung, liefert „Beispiele“ von diagrammatischen Kräftefeldern. Wir können die Szene/Inszenierung, das Ereignis als Kräftefeld bestimmen, entwickeln und untersuchen. Diese Art Forschung im Bereich der Theorie der Ästhetik entwickeln wir in Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure aus Praxis und Theorie. Sie wird im Kontext eines Hervorbringens entwickelt, in der wechselseitigen Mitteilung und Anregung. Forschung versteht sich hier selbst als ästhetisches Dispositiv.
„Dispositiv“ und „Bühne“ sind Eröffnungen, Rahmungen: sie erlauben ihre eigene Thematisierung wie auch diejenige anderer Begriffe und Themen, die sich aus bestimmten Interessen und Projektanlagen der Beteiligten ergeben und die wir gemeinsam auf die von uns vorgeschlagene Kontextualisierung (Dispositiv/Bühne) beziehen, untersuchen  und befragen wollen. Wichtig ist uns nicht zuletzt die politische Dimension, ohne die die Rede vom Dispositiv bedeutungslos würde. Dieser Aspekt soll nicht von aussen an die Sache herangetragen werden, sondern ist dieser inhärent: als Dimension des Sozialen (und damit Ethischen und damit Politischen), die für die Belange der Ästhetik konstitutiv ist und explizit zum Thema gemacht werden soll.  

ästhetik ? Ein Beitrag im Zett

Ästhetisches beschäftigt uns alle und Ästhetisierungen prägen unsere Lebenswelten. Trotzdem oder gerade deswegen soll die Ästhetik zum Thema von Forschung und Lehre gemacht werden
– was nicht fraglos geht, wie sich hier zeigt.

Gegenwärtig wird am Institut für Theorie (ith) der Themenschwerpunkt Ästhetik entwickelt, der in Forschung und Lehre sowie in Promotionsprojekten exponiert werden soll. Wir sind der Meinung, dass die ästhetische Theorie gerade an einer Kunsthochschule ihren Ort hat, stellen jedoch fest, dass wir
mit diesem Geltungsanspruch und grundsätzlich mit dem Begriff der Ästhetik oft auf Unverständnis stossen. Wir könnten uns nun mit dem Gedanken trösten, dass dieses Befremden
so alt ist wie die Geschichte der Ästhetik. Denn seit ihrem Beginn im 18. Jahrhundert ist die Ästhetik immer auch auf der Suche nach der epistemischen Geltung ihres theoretischen
Gegenstands. Wenn ihre disziplinäre Verortung in dieser Hinsicht problematisch ist und die Antwort auf die Frage, «was die Ästhetik ist», ominös, kommt dies nicht aus einer inneren Schwäche oder Unklarheit der diskursiven Praktiken, die auf die Ästhetik zurückzuführen sind oder die als Ästhetik
anerkannt sind. Die Schwierigkeit entsteht vielmehr durch ihre diskursive Besonderheit: Ästhetik ist eine der kulturellen Formen, die das Denken oder die Reflexion in unserer Kultur und Tradition angenommen hat, in der das Sinnliche und die Sinne eine zentrale Rolle spielen.
Aisthesis ist der Name einer Erfahrungsform, die uns sehr Verschiedenes hinsichtlich der Gegenstände, Produktionspraktiken und Ziele wahrnehmen lässt und welche die künstlerische
Praxis und Ästhetik eng zusammenführte. Man könnte sich von daher fragen, ob Ästhetik von Kunst herzuleiten ist, das heisst, ob sie eine Art Kunsttheorie sei (die wir doch bereits
haben). Ästhetik ist allerdings keine Theorie, wenn diese ihrem Selbstverständnis nach einer vermeintlich «unwissenden Praxis» ein theoretisches Wissen verleihen will. Sie ist also keine
Theorie, die einem künstlerischen Bereich, künstlerischen Erfahrungen oder Prozeduren – auch allgemein gestalterischer Art – von aussen her aufgestülpt werden könnte.

Im Folgenden werden Möglichkeiten und Optionen, was Ästhetik sein kann, eröffnet und riskiert, in der Hoffnung, dass im Horizont Vorstellungen aufscheinen, die das Unverständnis,
was die Ästhetik anbelangt, abzubauen vermögen.

1 Wir verstehen Ästhetik als ein Ensemble diskursiver Praktiken, die über die Änderungen der Formen sinnlicher Erfahrung nachdenken beziehungsweise darüber, wie wir wahrnehmen oder wie wir affiziert werden. Insofern gehört zur Ästhetik, Gegenwart zu denken, das heisst, es gehört zu ihr, sich an die Aktualität zu wenden. Sie fragt nach der Zeit, in der wir leben, sie fragt nach der historischen Situation, die die unsere ist, sie fragt nach den historischen Bedingungen, die es uns ermöglichen, (bestimmte) Erfahrungen zu machen, und sie fragt nach den virtuellen Transformationen unserer historischen Erfahrungen. Sie stellt diese Fragen ausgehend vom Horizont der Sinne und zielt in Richtung einer Analyse der Logik des Sinnlichen. So untersucht sie beispielsweise, wie etwas sicht-, hörbar (etc.) gemacht respektive der Sicht-, Hörbarkeit (etc.) entzogen wird. Sie analysiert, wer darüber verfügt,
wer (nicht) sicht-, hörbar (etc.) werden darf/kann. Dabei geht es auch um Machtverhältnisse. Die Sinne repräsentieren denn auch nicht ein Minderes hinsichtlich des Rationalen /der Vernunft im Selbst- und Weltbezug: Ästhetik hat sich von ihrer historischen Funktion der Kompensation emanzipiert.
Sinne und Ratio ergänzen und durchkreuzen sich gegenseitig; sie produzieren wechselseitig Überschuss und Kritik und beleuchten Latenzen. Diese (Kreuz-)Figuren sind die Praxis der
Ästhetik. Im Sinnes-Geschehen manifestiert sich (auch) eine Art Rationalität und ästhetische Reflexivität. Und das rationale Denken ist unhintergehbar in den Sinnesraum eingelassen und
mit diesem verwoben.
Gegenwart mit Ästhetik lesen und denken heisst, nicht nur das Offensichtliche zu erfassen, sondern die Differenzen zu bestimmen. Ästhetik als Kraftfeld der Sinne (der Affekte, Passionen, Lüste, des Begehrens, des Imaginären, des Unbestimmten etc.)

2 produziert Subjektivierung, die gegen die Disziplinierungder pragmatischen Praxis der Alltagswelt gerichtet ist. Im Widerstreit dieser zwei Praxisformen eröffnen sich Möglichkeiten
der Freiheit. Und in der Aufmerksamkeit gegenüber der Genealogie einer Gegenwart (wie kam es dazu?) werden Verschiebungen, Entstellungen und Unzeitgemässes sichtbar. Die Definition der Ästhetik als Reflexion der Gegenwart wirft noch weitere Fragen auf. In der Tat könnte jede Disziplin, jede Wissensform, jede künstlerische Praxis für sich in Anspruch nehmen, durch ihre Methode, durch ihr bestimmtes Wissen eine Diagnose der Zeiten, in denen wir leben, zu leisten. Die Ästhetik ist nun keine Disziplin, sie definiert und begrenzt keine bestimmte Wissensform. Die Wissensform der Ästhetik
muss vielmehr im Zusammenhang unseres Verständnisses des ästhetischen Denkens spezifiziert werden. Eine ästhetisch diskursive Praxis ermöglicht eine Denkerfahrung, ein Denken
also, das die Welt nach Gesichtspunkten des Ästhetischen vernimmt und analysiert. Ein ästhetisches Denken beschäftigt sich a) mit dem, was objekthaft gegeben ist und vor sich geht,
b) mit den gegenwärtigen Verhältnissen und Dringlichkeiten Kulturanalysen und Vermittlung/ Zett 2–12 25 und c) mit der Art und Weise, wie Denken geschieht und wie es die Welt imaginiert und symbolisch repräsentiert.

3 Im Zentrum der Ästhetik steht deshalb nicht ein Wissen, sondern die Praxis. (Weshalb eine Theorie der Ästhetik immer auch unter dem Gesichtspunkt einer Ästhetik der Theorie zu reflektieren ist.) Ästhetik als Praxis, als ein Ensemble diskursiver Praktiken, erzeugt eine Erfahrung, die sich von den
Wissensproduktionen anderer Disziplinen unterscheidet. Und vielleicht könnten wir sogar so weit gehen und sagen, die Ästhetik ist kein Wissen, sie produziert kein objektiviertes Wissen, weil sie keine Wissensform ist. Dies behaupten wir nicht, um auf die Unklarheit des Ausgangspunkts zurückzukommen, das heisst auf die Unbestimmtheit des Gegenstandes der Ästhetik, sondern um die Besonderheit ihres Status herauszustreichen. Ästhetik ist ein Ensemble diskursiver Praktiken, in denen die Theorie eine besondere Form annimmt: die der Untätigkeit. Durch die Ästhetik lernen wir nicht etwas, erreichen wir kein Wissen. Das bedeutet nicht, dass uns die Ästhetik zum Nichtsführt. Ästhetik produziert vielmehr eine Erfahrung, die den Platz des Subjektes in der Welt ändert. Von diesem Standpunkt aus können wir uns Ästhetik als eine Kraft, als eine kritische Haltung vorstellen, als den Versuch, durch diskursive Praktiken Erfahrungen zu produzieren, die es erlauben, anders zu
denken, als man denkt, anders wahrzunehmen, als man sieht, anders zu hören, als man hört. Diese Transformationen der Wahrnehmung, der Affekte usw. betreffen das, was unter dem Begriff «Subjektivierungsprozess» benannt wird, sie tangieren also Veränderungen des Subjekts, die durch (Grenz-)Erfahrungen und durch Arbeit des Selbst über sich selbst stattfinden
(Ästhetik der Existenz).

Auszug aus dem Zett

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